| Wann: |
Mi, 20. Mai. 2026 | 19:30 Do, 21. Mai. 2026 | 19:30 Fr, 22. Mai. 2026 | 19:30 Fr, 20. Nov. 2026 | 19:30 Sa, 21. Nov. 2026 | 19:30 Mo, 23. Nov. 2026 | 19:30 Do, 26. Nov. 2026 | 19:30 Fr, 27. Nov. 2026 | 19:30 Sa, 28. Nov. 2026 | 19:30 |
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| Wo: | Spagat Theater |
| Eintritt: | |
| Einlass: | kurz vor Vorstellungsbeginn |
| Spagat Theater Bauhausplatz 3 80807 München |
T: 089-540 46 37 40 (Mo – Fr 10:00 – 17:00 Uhr) F: 089-540 46 37 19 karten@spagat-theater.de |
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Beschreibung
"Ein sehr überzeugender Abend"
"Hier steht ein einziger Mensch auf der Bühne und erzählt. Aber wie! Lucy Wirths Stimme raspelt und wispert, singt und schreit, und man folgt ihr dabei atemlos."
„Blutbuch“ wird zur Ein-Mensch-Tour de Force. Lucy Wirth führt das Publikum durch Trauma und Identitätssuche."
Kim identifiziert sich weder als Mann noch als Frau. Aufgewachsen in einem Schweizer Vorort, lebt Kim nun in Zürich, ist den kleinkarierten Strukturen der Herkunft entkommen und fühlt sich im nonbinären Körper und in der eigenen Sexualität wohl. Doch dann erkrankt die Großmutter an Demenz, und Kim beginnt, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen: Warum sind da nur bruchstückhafte Erinnerungen an die eigene Kindheit?
Blutbuch erzählt von Identität, familiären Verstrickungen und gesellschaftlichen Normen – in Florentina Tautus Inszenierung als kraftvoller Monolog, verkörpert von der Schauspielerin Lucy Wirth. Die Erzählfigur stemmt sich gegen die Schweigekultur der Mütter und forscht nach der weiblichen Blutslinie. Sie bewegt sich durch Biografien, Erinnerungen und kollektive Traumata. Es geht um das Suchen, das Werden, das Finden.
Der Roman Blutbuch wurde 2022 mit dem Deutschen und dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Kim de l’Horizon, erste non-binäre Person mit dieser Ehrung, hat ein literarisches Meisterwerk geschaffen. Sprachgewaltig, poetisch und radikal persönlich.
| Spiel | Lucy Wirth |
|---|---|
| Regie, Textfassung | Florentina Tautu |
| Produktionsleitung, Outside Eye | Stephanie Tschunko |
| Ausstattung | Sarah Schmid |
| Video Art | Janik Valler |
| Musik | Severin Rauch |
| Licht | Philipp Kolb |
| Technik | Moritz Haase |
| Regieassistenz | Pauline Mainzer |
| Produktionsassistenz | Lilly Helmel |
| Technikassistenz | Anna Palma |
| Presse | Barbara Fleischmann |
| Aufführungsrechte | schaefersphilippen™, Theater und Medien GbR, Köln |
TW: Die Inszenierung enthält Schilderungen von expliziten sexuellen Handlungen und sensible Inhalte. Altersempfehlung ab 16 Jahren.
Diese Spagat-Produktion wurde gefördert durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München.
Pressestimmen
Süddeutsche Zeitung, 20.11.25, Kritik von Yvonne Poppek
Wie es ist, wenn es den eigenen Körper nicht geben darf
Kim de l’Horizons preisgekrönten Roman „Blutbuch“ bringt Regisseurin Florentina Tautu sehr verdichtet mit der energiegeladenen Schauspielerin Lucy Wirth auf die Bühne. Die Konzentration geht bestechend gut auf.
Da sind also die Hände der Großmutter. Der „Grossmeer“, wie es in ihrem Berner Dialekt heißt. Sie sind grob, suchend, stets in Bewegung, sich ineinander krallend, nach etwas greifend. Für das Kind sind Grossmeers Hände grauslich, Furcht einflößend. So wie auch Grossmeers Mund, der immer in Bewegung ist, wie ihre krachenden Zähne, wenn sie ihre „Fotzelschnitten“ isst. Die Körperteile der Großmutter sind von einer märchenhaften Gruseligkeit, jedes für sich eine Hexe.
Das Kind, die Grossmeer und Grossmeers Hände, sie sieht man auch in der Kulturbühne Spagat. Oder vielmehr sieht man auf Lucy Wirth, die das alles gleichzeitig ist. Im unheimlichen, kaltweißen Nachtlicht kniet sie auf der Bühne, ein weißer Matrosenkragen liegt um ihren Nacken, ihre Hände stecken in Handschuhen mit überlangen, Gicht-gekrümmten Fingern. Diese Finger sind bedrohlich, gruselig und viel zu nah. Das Kind steckt quasi in ihnen fest, während sie nach ihm greifen. Wie kann das Kind ausweichen, sich diesem Zugriff entziehen?
Es ist ein eindrucksvolles Bild, das Regisseurin Florentina Tautu für ihre Adaption von Kim de l’Horizons preisgekröntem Roman „Blutbuch“ gefunden hat, eines von einigen. L’Horizon setzt sich in diesem Debüt, das 2022 den Deutschen und den Schweizer Buchpreis erhielt, mit der eigenen genderfluiden, nichtbinären Identität auseinander, mit der problematischen Erfahrung, dass es diesen Körper so lange Zeit nicht geben durfte, in der Familie, auf dem Land, später auch in der Stadt. Die Auseinandersetzung wuchert in die Familiengeschichte hinein und umgekehrt. Kim de l’Horizon spielt dabei mit Autofiktion und löst sich vom gängigen Aufbau eines Romans.
Tautu hat sich mutig über diese Vorlage gebeugt, hat Passagen entnommen, umgestellt, neu zusammengefügt. Wer den Roman kennt, entdeckt ihre starke Konzentration auf das Thema, wie ein unterdrücktes Sein in permanente Unwucht gerät. Für die Hauptfigur Kim ist es die nicht zugelassene queere Identität. Bei Tautu und Wirth wird sie zu einem Beispiel. Die Ursache für die Zerrissenheit bleibt zwar wichtig, doch noch bedeutender ist die Auswirkung. Nicht sein zu dürfen, was man ist, ist ein verheerendes Gefühl. Es lässt sich universell begreifen. Das macht dieses „Blutbuch“ zu einem sehr überzeugenden Abend.
Wobei dies natürlich auch an der famosen Schauspielerin liegt. Lucy Wirth ist Energie pur auf der kleinen Bühne. Sie füllt den Raum derart aus, dass er manchmal zu klein für sie wird. Sie ist mal schüchternes Kind, mal hexenhafte Grossmeer oder sachlich-kühle Mutter. Sie schreit auf in Wut, ist gepanzert in einem geliehenen Männlichkeitskokon oder unbehaglich in den eigenen Gliedern, die sie bearbeiten muss. Dank ihres schweizerischen Hintergrunds bringt sie problemlos Dialektsprache ein, mit der das Kind gleichsam festgekleistert wird. Lucy Wirth ist in „Blutbuch“ Furie und Flüchtige, sehnsüchtig danach, frei zu sein.
Münchner Merkur, 21.11.25, Kritik von Ulrike Frick
Plaudern, Schmeicheln, Toben
„Blutbuch“mit Lucy Wirth im Münchner Spagat-Theater
Einen „Anti-Roman“ hat Kim de l’Horizon sein 2022 mit dem Deutschen und dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnetes „Blutbuch“ genannt. Auf der kleinen Bühne des Spagat-Theaters im Münchner Norden lässt sich innerhalb von Minuten erkennen, wie hervorragend sich der Text als Bühnen-Monolog eignet. Die einzelnen Unterteilungen, die Regisseurin Florentina Tautu für ihre Bearbeitung vorgenommen hat, folgen weitgehend dem Roman. Gute 90 Minuten lang erzählt, plaudert, schmeichelt und tobt sich die in ihrer Wucht, Energie und Präzision beeindruckende Lucy Wirth durch diesen Solo-Auftritt.
Ungeschützt, verletzlich und streckenweise auch wütend, fordernd, ratlos oder verzweifelt gräbt sie sich durch die autofiktionale Erzählung von Kim l’Horizon. Es geht um die Suche eines Menschen nach sich selbst, nach einer wie auch immer gearteten Identität – und ohne es zu wollen, landet die Figur trotz aller Anstrengungen stets erneut in der Vergangenheit der eigenen Familie. Bei der gefühlskalten, desinteressierten Mutter und der in ihrer Zuneigung zum Enkelkind oft nervenden, rückwärtsgewandten Großmutter. Die „Großmeer“, wie es die geborene Zürcherin Lucy Wirth mit charmantestem Schweizerdeutsch-Einschlag erklärt, die versteht einfach nicht mehr, was nicht-binär bedeutet.
Die große Theater-Trickkiste bleibt geschlossen, so wie die zahllosen, „Truckli“ genannten Holzkästchen der Großmutter: Hier steht ein einziger Mensch auf der Bühne und erzählt. Aber wie! Lucy Wirths Stimme raspelt und wispert, singt und schreit, und man folgt ihr dabei atemlos.
Die Bühne ist weiß und kahl. Im Hintergrund hängen an Bügeln die wenigen Requisiten, die Wirth benötigt, um das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Von der Decke herab baumelt ein Bündel schwarzer Seile (Bühne, Kostüm: Sarah Schmid), in denen die Schauspielerin wie in der Blutbuche einst in Omas Garten herumklettert, ans Strickzeug der Alten erinnert oder sich wie in einem Spinnennetz darin verfängt. Immer im verzweifelten Wunsch nach Anerkennung.
Donaukurier, 20.11.25, Kritik von Barbara Reitter-Welter
Trauma, Freiheit, Selbstwerdung
„Blutbuch“ von Kim de l’Horizon wird am Münchner Spagat Theater zur Grenzerfahrung
München – Im Jahr 2022 erschien im Dumont Verlag der Roman „Blutbuch“, ein Debüt, das einschlug wie eine Bombe. Deutscher und Schweizer Buchpreis, sofort auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Der Autor, ein Berner mit dem bemerkenswerten Namen Kim de l´Horizon, der sein Geburtsjahr mit 2666 angab. Die Wahrheit: Das Pseudonym ist ein Anagramm aus dem Geburtsnamen Dominik Holzer, Jahrgang 1992. Kurze Zeit nach dem Erscheinen trat er im Münchner Literaturhaus mit einer Lesung auf und überwältigte das Publikum nicht nur mit seiner überbordenden Sprachkraft zwischen plakativ geschilderten Szenen, in den Text eingestreuten experimentellen Essays, Briefen, Gedichten, botanischen Exkursen zur „Blutbuche“ und Passagen in unverständlichem Schwyzerdütsch und auf Englisch, wo es um seine sexuellen Erfahrungen als non-binäre Person ging, sondern auch mit dem provokanten Charme seiner Genderfluidität.
„Blutbuch“ ist durchaus autobiografisch gefärbt und nichts für Zartbesaitete, geht es doch in dem Roman letztlich umdie Aufarbeitung einer traumatisch empfundenen Familiengeschichte mit einer dominanten „Grandmeer“, also der Großmutter, die ihre Tochter und das Enkelkind buchstäblich im Ozean ihres Psychoterrors hinter der Fassade der Normalität ertränkte. Für das Spagat Theater erstellte Florentina Tautu eine stringente Textfassung für eine einzige Darstellerin, die sämtliche inhaltliche Aspekte und sprachliche Finessen des nicht linear konzipierten Romans kongenial komprimiert – und psychologisch sensibel in ihrer hochdramatischen Inszenierung umsetzt. Lucy Wirth, die Schauspielerin mit deutschen und schweizerischen Wurzeln, also des Idioms mächtig, die man nicht nur vom Residenztheater, sondern auch aus der Frauenszene kennt, wirft sich mit jeder Faser in diese Rolle: ein körperlicher und seelischer Striptease, der bis an die Grenzen der Selbstentäußerung geht. Brutal, radi-kal, schamlos, verstörend und in manchen Sequenzen sogar witzig. Auf jeden Fall eine schauspielerische Höchstleistung in puncto Wandlungsfähigkeit!
Allein schon die Bühnen-Installation: ein Kunstwerk aus geknoteten schwarzen Seilen, die bestens das Gefängnis symbolisieren, in dem sich die erzählende Figur befindet (Bühne, Kostüme: Sarah Schmid), welche sich irgendwann befreit aus der kleinbürgerlichen Enge ihrer Herkunft zu einer Ich-Werdung „von der Kleinstadt-schwuchtel zum intellektuellen Großstädter“. Immer wieder wird sie umschlossen von einem Netz in Form von bewegten Strichen, die sich bündeln zu abstrakten, explodierenden Formen, ähnlich wie auf einer Schwarzweiß-Zeichnung von Arnulf Rainer (Video Art: Janik Valler). Dass die „Grandmeer“ ambivalent gegenüber dem Drang des Kindes war, die eigene Identität in Frauenkleidern zu suchen, zeigt Lucy Wirth höchst eindringlich, schlüpft sie doch in die verschiedenen Entwicklungsphasen des Erzählers: vom ungeschützten Kind, terrorisiert durch die Oma-Stimme, die sich kunstvoll verstärkt und repetitiv musikalisch wiederholt zum „... wieso bischt eigentlich nia da?“ (technisch toll gemacht) bis zur Befreiung durch exzessiven Sex in der Schwulenszene Zürichs (weshalb die Aufführung auch erst ab 16 Jahren geeignet ist).
Das Unterstützer*innen Ticket:
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