Er kommt aus Texas. Er trägt Cowboyhut, Gitarre - und klare Ansichten. Randy ist Country-Sänger, Überlebenskünstler, Prophet. Zwischen Lagerfeuerromantik und Survival-Training, zwischen Flirt und Faustregel bringt dieser Mann mehr mit als nur Musik. Er irritiert, provoziert, fasziniert. Ist er ein Relikt oder eine Offenbarung?
Ein musikalischer Abend zwischen Konzert, Theater und Stand-Up der Amerikanisch-Schweizerischen Performerin Lucy Wirth und des Münchner Musikers Tobias Weber, mit viel texanischem English und ein bisschen gebrochenem Deutsch.
"You people can get real cozy with your socialist government, but I'm telling you, when the Russians come for you, the government will run. You ladies are going to want a man that can make a fire in the woods." - Randy
| Konzept, Text, Performance | Lucy Wirth |
|---|---|
| Musik, Performance | Tobias Weber |
| Outside Eye | Patrick Wengenroth |
| Kostüm | Victoria Dietrich |
| Presse | Barbara Fleischmann |
Flirrender Auftritt des Retro-Cowboys
31. Juli 2025, Kritik von Yvonne Poppek
Die Münchner Performerin Lucy Wirth hat den singenden Cowboy Randy erfunden. Mit einem zweistündigen Abend zeigt sie, warum anachronistische Macho-Figuren sehr unterhaltsam sein können.
Randy ist nicht aufs College gegangen. Nur in die Schule des Lebens, wie er sagt. Die hat ihn ge-lehrt: Wissen ist, dass die Tomate eine Frucht ist. Weisheit, dass sie nicht in den Obstsalat gehört. Diese Erkenntnis ist ein grunzendes Lachen wert und einen Schenkelklopfer. Randy, der Cowboy aus Sweet Valley, Texas, der Mann der Prärie und der Einsamkeit, Gentleman mit rückwärtsge-wandter Auffassung der Geschlechterrollen findet sich selbst ganz prächtig. Er ist halt ein harter Kerl mit Manieren, und so gehört sich das auch. Oder gibt’s Zweifel?
Die Münchner Performerin Lucy Wirth hat mit Randy eine herrliche Figur erfunden, die einen in einen flimmernden Zwiespalt treiben kann. Randy ist retro, verkörpert eine Männlichkeit, die ver-mutlich das Ursprüngliche für sich reklamieren würde. Er agiert mit einer Selbstverständlichkeit, bei der man am liebsten sofort das Weite suchen würde. Andererseits lässt sich eine gewisse Faszi-nation dafür nicht verleugnen, wie sich jemand unerschütterlich von äußeren Entwicklungen auf einen Standpunkt stellt und von dort aus mit sehr einfachen Lösungen durchs Leben kommt, die niemandem schaden sollen. Überlebenstauglich, pragmatisch, selbst gewählt einsam und vor den Ladys brav an den Hut tippen, das ist Randy.
In der Musiktheater-Performance „A Man To Lean On“ im Fat Cat hat Lucy Wirth ihren Texas-Cowboy nun vorgestellt und hat sehr authentisch diese Männlichkeits-Attitüde übergestreift. Sie sitzt gut, so wie Blue Jeans, Boots, Jeanshemd, Cowboykrawatte und Hut. Der Raum, in dem sie ein-gangs zur Bühne ein paar Stufen hinabsteigt, mit dem steifen, mit alten Verletzungen kämpfenden Gang eines Landarbeiters und Viehtreibers, bildet einen skurrilen Kontrast zu ihrem Programm. Das „Labor“ erinnert an den Chemiesaal einer Schule, das Publikum sitzt auf festmontierten Klappstühlen an weißen Tischreihen.
„College class“, mokiert sich Randy. Und nutzt die Situation, um ein bisschen Unterricht aus seiner Lebensschule weiterzugeben, Anekdoten zu erzählen oder auch mal jemanden aus dem Publikum anzuquatschen. Natürlich war es eine toughe Schule, durch die er ging. Der Vater war im Vietnam-krieg und brachte ihm bei, dass man nur weint, wenn es wehtut. Und weh tut es nur, wenn man an-geschossen ist. Die Mutter war hingegen ganz Duldsamkeit und Ruhe. Mit gebrochenen Rippen re-parierte Randy Zäune, verlor Freunde an den Alkohol, ist selbst mittlerweile nüchtern.
Mit schleifendem, top verständlichem Texas-Akzent kramt Randy die Geschichten aus sich heraus, genauso wortkarg wie redselig. Lucy Wirth steht dabei immer ein spöttelndes Lächeln im Gesicht, sie ist Bruch, Kommentar und Figur in einem, urkomisch und intelligent.
Den Zwiespalt, den Kerl da auf der Bühne zu mögen und genauso doof zu finden, treibt die Perfor-merin dann noch mit Musiker Tobias Weber auf die Spitze. Weber spielt die Westerngitarre, als hätte er Rodeo im Blut. Und Wirth singt mit glockenklarer Stimme Countrysongs, dass sie einen trotz ihrer zweifelhaften Botschaften von herzensguten Frauen und fernweh-getriebenen Männern verzaubern. „Ramblin’ Man“, Dolly Partons „The Sky Is No Limit“, „Good Hearted Woman“, „Cow-boy Man“ oder auch Beyoncés „Texas Hold ’Em“ – das Duo galoppiert durch die Höhen, Tiefen und Geschwindigkeiten des Genres.
Und selbst oder gerade dann, wenn man kein Fan ist, spürt man eine eigentümliche Poesie. Sie liegt in den Widersprüchen, die die Performance herauszuschälen weiß, in der Weite des Himmels und der Beschränktheit des Geistes. Und irgendwo dazwischen verschmilzt Randy mit dem Horizont.
Victoria Dietrich, Florentina Tautu